"Fleischessen und Urlaubsflüge haben doch nichts mehr mit persönlicher Freiheit zu tun. Wir dürfen nicht die Freiheit haben, die Welt zu ruinieren, Millionen Menschen verhungern zu lassen und 21 Hühner pro Quadratmeter zu halten." (Hagen Rether)
Als ich zu bloggen begann, ganz klassisch als Neuveganerin auf dem Weg in unbekanntes Terrain, hatte ich ganz oft das Bedürfnis, über die ideologische Seite meiner Entscheidung zu schreiben. Ich fand es elementar, der Welt nicht nur meine neue Bekanntschaft mit Tempeh und Co. zu präsentieren, sondern auch aufzuzeigen, warum der Blick über den Tellerrand der Bequemlichkeit so wichtig ist und warum ich überzeugt bin, dass Vegansein der einzig richtige Weg ist unsere Gesellschaft, unsere Gesundheit und unseren Planeten wenigstens ein bisschen zu retten. Ich hatte das dringende Bedürfnis, die Menschen in meinem direkten Umfeld - und vielleicht noch ein paar Leute da draußen in den virtuellen Weiten des Internets - zum Nachdenken zu bewegen. Ich wollte, dass sie sich nach einem Blogeintrag über die Problematik der Palmölgewinnung fragen, ob sie nicht wenigstens ein paar Produkte ohne Palmöl kaufen könnten, ich wollte, dass sie sich damit auseinandersetzen, dass bei der Ei- und Milchproduktion vor allem in diesen Mengen tausende unnützer Tierkinder entstehen, die irgendwie entsorgt werden müssen, ich wollte das Bewusstsein für die ökologischen Katastrophen schärfen, die wir mit unserem Konsumverhalten tagtäglich unterstützen. Und ich wollte, dass diesem Nachdenken Taten folgen.
Stattdessen stieß ich auf eine Wand des Verdrängens und Schönredens. Argumente wie "Milchkühe sind so gezüchtet, dass sie auch ohne Kälber Milch geben", "Milch ist gut für die Knochen", "Hühner müssen doch sowieso Eier legen, dann können wir sie ja auch essen", "Jagd ist sehr wichtig für den Erhalt der Wälder", "Wenn wir kein Rindfleisch mehr essen und keine Milch mehr trinken, dann gibt es irgendwann doch gar keine Kühe mehr", "Die Tiere wachsen ja schon im Stall auf, die kennen das doch nicht anders", "Wir brauchen aber doch das ganze Eiweiß" oder "Fische können keine Schmerzen empfinden" begegneten mir fast täglich.
Jedem Veganer sind sie bekannt, jeder kann noch mindestens 10 weitere dieser oft abstrusen Behauptungen aufzählen. Ganz zu schweigen von den besorgten Fragen, ob man sich denn auch ohne Fleisch gesund ernähren könne. Meiner Meinung nach müsste diese Frage eher lauten, ob ich mich denn
mit Fleisch, Milch und Eiern überhaupt gesund ernähren kann.
Nach über zwei Jahren, in denen ich mich nun vegan ernähre, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass es mir nicht mal im Ansatz gelungen ist, mein Umfeld in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Im Gegenteil: überall, auch und gerade in der veganen Bloggerszene, wurde mir schnell eingebläut, dass ich doch bitte nicht und niemals irgendwen in irgendeiner Weise missionieren sollte. Ideologie und Überzeugung wurden nur zu oft mit dem pejorativen Wort Dogmatismus gleichgesetzt, vor dem sich manch einer fürchtete wie vor einem Terroranschlag. Veganer, so schien das Credo, sollen lächeln, winken und ihr Essen fotografieren. Sie sollen vegane Kosmetik bewerben und immer sagen, dass es absolut ok ist, wenn man nicht vegan lebt.
Aber was ist denn nun, wenn ich es trotzdem falsch finde, Fleisch zu essen? Wenn ich es so richtig, richtig falsch finde? Wenn ich fast kotzen muss, wenn den Deutschen immer und immer wieder empfohlen wird, pro Woche Unmengen an Milch zu trinken, weil sie ja sonst einfach auseinanderfallen könnten? Wenn ich Leuten eine reinhauen will, die mir sagen, sie seien ja auch Vegetarier, nur um sich dann ein Lachsfilet auf den Teller zu laden und mich ungläubig anstarren, wenn ich dann frage, warum sie trotzdem ein Tier essen? Wenn mir die fast Tränen kommen, wenn ich meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten ewig oft erzähle, dass man schon mit wenig Aufwand viel erreichen kann und sie dann beim nächsten Einkauf mit zehn Plastiktüten und vier Packungen Minutensteaks für 1,50€ nach Hause kommen? Wenn ich nicht weiß, wie ich mein Entsetzen verbergen soll, wenn mir die Arbeitskollegin (alternativ: Freunde, Bekannte, Tanten, Onkel, egal wer) einen Vortrag hält, dass sie ja nur gutes Biofleisch kauft um dann beim Betriebsausflug die Packung mit den 10 Bratwürstchen von Discounter XY auf den Grill zu packen? Wenn es mich wütend macht, dass die ganzen Dokus über Massentierhaltung, Umweltverschmutzung und deren Vermeidung hauptsächlich von den Leuten gesehen werden, die es sowieso schon wissen?
Wie kommt man lächelnd und winkend und Produktempfehlungen schreibend gegen eine Gesellschaft an, in der die Menschen die Wahl haben, die Umwelt zu retten, indem sie auf Fleisch(massen) verzichten, Plastiktüten vermeiden, sich wenigstens ein bisschen informieren und es einfach nicht tun und dann trotzdem als "Normal" bezeichnet zu werden? Es hat halt echts nichts geholfen, dass ich alle Menschen um mich herum mit veganen Cupcakes und Kuchen gefüttert habe. Es hat nichts gebracht, dass ich oft genug über Kosmetika ohne Palmöl berichtet habe. So lange der Garten hinterm Haus oder der nächste Wald und der nächstgelegene Park noch gut aussehen, sprich, so lange die Naturkatastrophen nicht an die eigene Tür klopfen, wird sich an der Bequemlichkeit der meisten Menschen nichts ändern. Vielleicht machen sie mal einen kurzen Ausflug in die Welt der veganen Küche, wenn sie 10 kg abnehmen wollen, vielleicht bleibt der ein oder andere auch dabei. Aber viel zu viele werden früher oder später sagen, dass es ihnen dann doch zu anstrengend ist. Als hätte unser Planet nicht mal das bisschen Anstrengung verdient...
Und wenn ich meinen Frust nicht mal hier auf meinem Blog niederschreiben soll, weil ich ja irgendwie missionarisch oder dogmatisch wirken könnte, dann weiß ich auch nicht mehr, wieso ich überhaupt noch bloggen soll.